
Viva la pittura! Die Italienreisen Otto Niemeyer-Holsteins
Ausstellungsdauer: 18. April 2026 – 11. Oktober 2026
Otto Niemeyer-Holstein (1896-1984) unternimmt wiederholt Studienreisen nach Italien, um die römische Antike, die Kultur der Renaissance, das Licht und die Landschaft Italiens kennenzulernen, wie es schon viele deutsche Künstler und Kunstinteressierte vor ihm taten. Italien fungierte von jeher als Traumziel der bildenden Künstler und eine Reise dorthin gehörte einst zum Ausbildungsprogramm.
Die Reise Johann Wolfgang von Goethes nach Italien 1786–1788 gilt als einflussreichstes Beispiel für eine solche Reise, die Goethe zu einem Ideal der künstlerischen Wiedergeburt stilisierte und damit die Begeisterung der nachfolgenden Künstlergenerationen beeinflusste.
Bereits 60 Jahre vor Goethe war Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) nach Italien gereist und hatte wenig später seine „Abhandlung von den Fähigkeiten der Empfindung des Schönen in der Kunst und dem Unterrichte in derselben“ verfasst und gilt deshalb als Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und Kunstgeschichte und als geistiger Begründer des Klassizismus im deutschsprachigen Raum.
Die erste Italienreise Otto Niemeyer-Holsteins, die sich auch in Zeichnungen und Aquarellen niederschlägt, führt den Maler 1920 nach Sizilien. Eine weitere Reise, 1930, muss sehr nachhaltigen Eindruck auf ihn hinterlassen haben. In der Villa Romana in Florenz entsteht ein Bild, das zum Sinnbild dieser Lehr- und Wanderjahre wird, seine eigenen ausgelatschten „Schuhe“. Das Gemälde muss ihm viel bedeutet haben, denn er verkauft es nie. In Florenz begegnet er dem Maler Hans-Joachim Staude (1904-1973), der in Hamburg aufgewachsen ist. Bemerkenswert ist auch eine Ausstellungsbeteiligung Otto Niemeyer-Holsteins an der IV. Mostra Regionale d`Arte Toscana, die 1930 in Florenz stattfindet.
Erst vierundzwanzig Jahre später kann Otto Niemeyer-Holstein seine persönlichen Kontakte im Tessin und in Florenz wieder aufnehmen. Es folgen weitere Reisen, auf denen ein beeindruckender künstlerischer Ertrag entsteht, rund einhundert Gemälde und Zeichnungen. Besonders hervorzuheben ist die mehrwöchige Reise, die ihn, ausgehend von Florenz, durch die Toskana, über die Abruzzen nach Apulien, bis nach Sizilien führt.
Die Ausstellung und der Katalog zeigen Werke von Otto Niemeyer-Holstein, die 1920-1958 in Italien entstanden sind und belegen damit, wie sehr den Künstler die Italiensehnsucht in den Bann zieht und prägt.
Es ist mir eine Freude, Ihnen mehr als 40 Werke präsentieren zu können. Eigens für diese Ausstellung werden zahlreiche Werke erstmals gerahmt. Ergänzt wird die Ausstellung durch umfangreiche Leihgaben aus dem Potsdam Museum, dem Museum für bildende Künste Leipzig und aus Privatbesitz aus Zürich, Kamenz, Berlin und der Insel Usedom. Vielen Dank den Leigebern.
Bereits vor vier Jahren begann ich, diese Ausstellung vorzubereiten. Nach einem Jahr Vorbereitung, reise ich im Spätsommer 2023 auf den Spuren von Otto Niemeyer-Holsteins in Italien bis nach Apulien. An zehn Orten sammle ich Eindrücke, die mir die Italienreisen, die Otto Niemeyer-Holstein 1930, 1954 sowie 1958 erlebt, anschaulich vor Augen führen. Im Gepäck habe ich Reproduktionen von 79 Werken ONHs, die auf diesen Reisen entstanden sind und zahlreiche Informationen über Hans-Joachim Staude, Hans Purrmann, Arthur Miller, die Villa Romana, die Villa di San Francesco di Paola und den Künstlerbedarf Rigacci in Florenz. Meine Route verläuft entlang der Eintragungen von Otto Niemeyer-Holstein im Skizzenbuch, der folgende Reiseziele notiert: Manfredonia, Castel del Monte, Bari, Castellana Grotte, Alberobello, Selva di Fasano, Tremiti, Monte Sant Angelo.
Meine Reise endet in Alberobello, von dort reise ich nach Matera und an die Amalfiküste, weiter entlang der Mittelmeerküste zurück nach Florenz. Otto Niemeyer-Holstein setzt seine Reise fort in Richtung Sizilien. Eine Postkarte vom 13.5.1958, die sich in Privatbesitz erhalten hat, mit einer Federzeichnung „Am Ionischen Meer“, gibt uns Anhaltspunkt sowie mehrere Zeichnungen, die mit
Sizilien beschriftet sind und die Landschaft, Straßenszenen, das Mittelmeer und den Ätna zeigen. Die Reise nach Florenz und Apulien hat einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Für mich ist es ein bleibendes Erlebnis, auf den Spuren Niemeyer-Holsteins zu wandeln. Bestätigt hat sich meine Ansicht, dass es Niemeyer-Holstein überzeugend gelingt, die Atmosphäre der Landschaft einzufangen, die orangerote Erde, die trockene Kargheit mancher Gegend, die Lichtintensität. Zehn Orte: Pilgerstätten, einzigartige Architektur, atembe-raubende Naturschönheiten, Orte der Kultur und Renaissance, Glanzpunkte des Mittelalters erzählen von den vielen bemerkenswerten und kreativen Menschen, schließen uns als Reisende freundlich ein, in einen Zeitstrahl der Vergangenheit. Es ist nicht zwingend notwendig, das Originalmotiv aufzusuchen, den Originalschauplatz zu erleben, um ein Kunstwerk auf sich wirken zu lassen aber eben doch eine Bereicherung, ein Gewinn, sich zu fragen, wo könnte das Werk entstanden sein.
Reisen ist auch anstrengend, ich bewundere Niemeyer-Holstein und seine Frau, wie es Ihnen glückt, diese Reise zu organisieren und durchzuführen. Besonders beeindruckt mich der künstlerische Ertrag, den Niemeyer-Holstein mit nach Hause zurück bringt, rein praktisch auch seine künstlerischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, auf Reisen hauptsächlich mit Ölfarben zu malen und diese Arbeiten sicher nach Lüttenort zu transportieren. Der Rückweg ist weit, rund 2.500 km von Sizilien bis zur Insel Usedom!
Hiermit danke ich den Mitarbeitenden des Museums Atelier Niemeyer-Holstein und des Landkreises Vorpommern-Greifswald, die meine Studienreise organisatorisch ermöglicht haben. Dem Museumsbeirat danke ich namentlich Sabine Curio, Bettina John, Günter Niemeyer und Mario Scarabis sowie dem Freundeskreis ONH Lüttenort e.V. für die Befürwortung dieses Projektes. Für seine Motivation und Unterstützung für dieses Projekt danke ich Achim Roscher, Berlin. Für Hinweise und Informationen danke ich Dr. Günter Niemeyer, Zürich, Helma Heymann, Berlin sowie Angela Terzani-Staude, Florenz, Angelika Stepken und Claudia Fromm, Villa Romana Florenz, Dr. Annette Hoffmann, Kunsthistorisches Institut in Florenz, | Max-Planck-Institut/MPG Dr. Katia Mazzucco, Kunsthistorisches Institut in Florenz | Max-Planck-Institut/MPG, Dr. Stefanie Hamm, Istituto Italiano di Cultura di Berlino sowie meinen Freunden und meiner Familie, die meine Reise begleitet und unterstützt haben.
„Das Fazit seiner Reisen war letztendlich immer das gleiche, und er schrieb es in einem Artikel für die Zeitschrift „Bildende Kunst“ (Heft 3/1959): „Im Ausland ist mir erst so richtig klar geworden, daß ich jetzt noch viel mehr als bisher speziell die Usedomer Landschaft malen werde.“ (Roscher, Achim. 2021. Otto Niemeyer-Holstein Lebensbild mit Landschaft und Figuren. Berlin: Aufbau. S. 228)
Niemeyer-Holstein selbst gibt in der Märzausgabe 1959 der Zeitschrift Bildende Kunst darüber Auskunft, was ihm die Italienreise, von der er einige Monate zuvor zurück gekehrt ist, bedeutet: “…. Aufgefüllt mit neuen Eindrücken bin ich nun wieder am geliebten Ostseestrand, auf unser reich bewaldetes Usedom zurückgekehrt. Und – liegt es nun an dem schnellen Wechsel der Eindrücke, an dem starken Kontrast des hellen, weichen Lichtes und der kargen Landschaft des süd-östlichen Italiens zu dem unendlich satten Grün der heimatlichen Natur, in die ich eintauche, wie in ein frisches Bad – ich bin auf´s neue überwältigt, schaue staunend um mich. Es ist das Staunen, das zu behalten so wichtig ist, das den Künstler vor der Routine, das den Menschen überhaupt vor Übersättigung und blasierter Langeweile bewahrt. Wie wohltuend ist die morgendliche und die abendliche Dämmerung mit ihrem immer neuen, immer anderen Spiel des Lichts, das ich in den südlichen Breiten vermißte. Und auch die Menschen schienen anders zu sein als vorher. Auch die Heimat sehe ich nun schärfer, intensiver, spezifischer. Wie herrlich ist unsere Insel Usedom. Anders als der Süden, aber nicht weniger schön….“ (Otto Niemeyer-Holstein in Bildende Kunst 3/1959)
Viva la pittura, tedesca e italiana! (Francesca Fazion, Leiterin Istituto Italiano di Cultura Amburgo)
Franka Jordan
Leiterin des Museums Atelier Otto Niemeyer-Holstein
Lüttenort, den 17.04.2026
